Im Oktober 2012 führte Dr. Ursula Dohms, damals wie heute 1. Vorsitzende des BVhÄ, ein Interview mit Dr. med. Dr. phil. Peter Sohn. Jetzt, im März 2021 wird am Haus des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte (BVhÄ) in der Nassauischen Straße 2 in Wilmersdorf diese Tafel angebracht:

In diesem Haus wohnte und praktizierte seit 1986 der homöopathische Arzt Dr. med. Dr. phil. Peter Sohn (12.04. 1946 in Solingen – 19.03.2019 in Berlin). Von 1983 –  1987 war er Vorsitzender des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte e.V. (BVhÄ). Er prägte maßgeblich die berufsbegleitende dreijährige ärztliche Ausbildung in klassischer Homöopathie im deutschsprachigen Raum.

Mit diesem Interview, das wir hier dokumentieren, erinnern wir an Dr. Dr. Peter Sohn.

Seit dreißig Jahren gibt es in Berlin eine Weiterbildung für Ärzte, die homöopathische Heilweise nach Samuel Hahnemann zu erlernen. Sie sind der Gründer gewesen. Können Sie uns von den Anfängen erzählen?

Dazu muss ich etwas ausholen. Seit 1977 bin ich Mitglied des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Voraussetzung war damals die Zusatzbezeichnung »Homöopathie«, die von der Ärztekammer vergeben wurde (früher vom Berliner Verein selbst). Man musste die Bestätigung der Teilnahme an drei Wochenendkursen zur Weiterbildung in Homöopathie der Ärztekammer Berlin mit einem entsprechendenAntrag einreichen.

Und dann erhielt man gleich die Zusatzbezeichnung?

Nein. In meinem Fall passierte überhaupt nichts, selbst nach mehrmaligem Nachfragen. Ich hatte den Eindruck, dass neben dem üblichen Ignorieren der Homöopathie die Kammer mit meinem Antrag überfordert war. Vielleicht wusste man gar nicht, womit man es da zu tun hatte, weil eine solche Zusatzbezeichnung offenbar Jahre und Jahrzehnte lang niemand mehr beantragt hatte. Die Angelegenheit wurde dann demRechtsanwalt des Berliner Vereins übergeben, so dass sie nach insgesamt fast einem Jahr erfolgreich zu Ende geführt werden konnte. So kam mein Kontakt mit dem Berliner Verein zustande.

Was gefiel Ihnen an den Wochenendkursen?

Überhaupt nichts. Zum einen war mir schleierhaft, wie man an drei Wochenenden die Homöopathie erlernen sollte, zum anderen widersprach das, was ich dort hörte, zumeist all dem, was ich gelernt hatte.

Wie hatten Sie Ihre Ausbildung erhalten?

Im Alter von zehn kam ich erstmals mit der Homöopathie in Kontakt durch meinenspäteren Lehrer Dr. Dr. Hanns Laudenberg. Er war Schüler und Freund von Pierre Schmidt in Genf, dem Vater der Klassischen Homöopathie, der Homöopathie Hahnemanns, in Europa. Was ich dort an Homöopathie kennen gelernt hatte, stand in krassem Gegenteil zu dem, was allgegenwärtig praktiziert wurde.

Wie sah das aus?

Vorherrschend war die so genannte »naturwissenschaftlich-kritische Homöopathie«,eine Anbiederung an die Schulmedizin, bei der man weiter klinisch dachte, aber statt Allopathika potenzierte Arzneien einsetzte, oder beides zugleich. Über Hochpotenzen rümpfte man zumeist die Nase, wie über manche andere Vorstellungen des späten Hahnemanns, wie die der chronischen Krankheiten. Und natürlich über die wenigen »Klassiker«, die man in Deutschland an einer Hand abzählen konnte.

Welche Situation fanden Sie in Berlin vor?

Eine ganz ähnliche wie im Zentralverein homöopathischer Ärzte. Erschwerend kam hinzu, dass die Homöopathie im Norden Deutschlands wenig verbreitet und in Berlin nach dem Bau der Mauer reduziert war, von den wenigen Mitgliedern des eher überalterten Vereins nur etwa zwei oder drei noch praktizierten, in der beschriebenen Art, und eine Weiterbildung nur einmal im Jahr im Rahmen der Jahresversammlung stattfand, auf der ein Kollege, meist derselbe, ein Kapitel aus der Arzneimittellehre von Mezger vorlas. Kein Wunder also, dass die Ärztekammer 1979 die Zusatzbezeichnung »Homöopathie« aus ihrer Weiterbildungsordnung strich.

Wann traten Sie ins Spiel?

Ich hatte meine Verbindung zum Verein erst einmal unterbrochen gehabt. Es hatte sich aber irgendwie herumgesprochen, dass ich »Klassiker« war, und von allen Enden und Ecken kamen Interessenten, die Homöopathie lernen wollten. Und ehe ichmich versah, gab es zwei Gruppen (eine mit und eine ohne Vorkenntnisse), die sichregelmäßig privatissime et gratis bei mir trafen. Nun trat der Verein wieder auf michzu. Die Aktion der Ärztekammer war zwar mit Unterstützung des Zentralvereins abgewendet, aber es fehlten immer noch Ausbildungsmöglichkeiten. Man hatte mir angeboten, dies im Rahmen des 2. Vorsitzenden (für die verstorbene Frau Urban) zu tun. Ganz unerwartet hat man mich dann aber auf der Jahresversammlung 1983 gleich zum 1. Vorsitzenden gewählt.

Was wurde alles anders?

Es stand eine Menge Arbeit vor uns. Erst einmal mussten die räumlichen Voraussetzungen für den Unterricht geschaffen werden, ein abendfüllendes Thema. Die neugeschaffenen Unterrichtsräume im Verein reichten aber bald schon nicht mehr aus:ein, zwei Jahre später lagen mehr als hundert Neuanmeldungen für Kurse vor, und wir waren gezwungen, an die TU auszuweichen. Dann mussten neue Unterrichtsinhalte geschaffen werden. Wir haben das in den »Leitlinien zum Erlernen der Klassischen Homöopathie« formuliert. Für die Dauer eines Kurses haben wir realistischerweise drei Jahre angesetzt mit Zwischen- und Abschlussprüfungen. Es fand auch alle zwei Monate ein Themenabend mit Vorträgen statt, die in den »Elementen zurBerliner Homöopathie« dokumentiert wurden.

Welche Resonanz fand dies im Zentralverein?
Man reagierte ungläubig. Berlin war ja im Bewusstsein des Zentralvereins negativ besetzt bzw. bedeutungslos oder ganz verschwunden. Vor allem stieß die alleinige Ausrichtung auf die Klassische Homöopathie auf. Auch das lang dauernde Ausbildungskonzept. Zum Glück änderte sich dies im Laufe der 80er Jahre. Schon auf der 140. Jahresversammlung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte im Mai 1988 in Berlin haben uns die wichtigsten und namhaften Klassischen Homöopathen mit ihren Vorträgen beehrt. Der Berliner Verein bekam dann die Vorreiterrolle der qualifizierten homöopathischen Ausbildung in Deutschland. Im Grunde ja, obwohl dies nicht von vornherein beabsichtigt war. Man tat das, was von der Sache her richtig war.
Warum ist es so wichtig für uns Ärzte, sich mit dieser therapeutischen Methode auseinanderzusetzen?
Die Homöopathie erfreut sich trotz ewiger Widerstände großer Beliebtheit bei denPatienten, auch weil sie eine Forderung des römischen Arztes Celsus erfüllt, nämlich»schnell, sicher und sanft« zu heilen, was Hahnemann neu postulierte. Die homöopathische Heilkunst ist frei von schädlichen Nebenwirkungen. Sie ist eine prophylaktische Medizin par excellence. Sie ist hilfreich auch bei komplizierten chronischenKrankheiten. Wer eine wahre ganzheitliche individuelle Medizin betreiben will, kommtan der Homöopathie nicht vorbei. Sie verliert sich nicht im materiellen Detail, sondern wirkt auf einer übergeordneten funktionellen, energetischen, informationellen, seelischen Ebene. Sie ist zugegebenermaßen eine der schwierigsten Heilmethoden, aber auch eine der elegantesten. Sie erfreut und befriedigt Patient und Arzt ein Lebenlang.