Vom 10.-11. April veranstaltet der Berliner Verein homöopathischer Ärzte (BVhÄ) ein Onlineseminar zur Einführung in die Anwendung der Homöopathie nach Ewald Stöteler. Dr. med. Otto Ziehaus (Foto) hat die Seminarleitung inne, mit ihm sprachen wir über Ewald Stöteler und seine Ansätze. Das Anmeldeformular gibt`s hier zum Herunterladen.

Was kennzeichnet diesen Ansatz Ihrer Meinung nach?

Die Rückbesinnung auf die Texte von Hahnemann, insbesondere die 6. Auflage des Organons und die „Chronischen Krankheiten“. Er räumt mit Unklarheit und Missverständnissen zu basalen Themen wie Potenzierung, Krankheitsverständnis und unterschiedliche Wertung der Arzneimittel auf, die in der Homöopathie seit Jahren kontrovers diskutiert werden. Stöteler schafft es, diese Inhalte in einer Form zu vermitteln, die die Gedanken und Schriften Hahnemann´s erblühen lässt. Die Methode ermöglicht die Behandlung von Erkrankungen, wie man es sich von der Homöopathie erhofft. Der Behandler hat Kontrolle über die Situation hinsichtlich der Arzneiwahl, der Arzneigabe und Blockierungen auch in schwierigsten Konstellationen.

Wie hat Ewald Stöteler Ihre Arbeit in der Praxis verändert?

Die sichtbarste Veränderung besteht darin, dass ich nun überwiegend mit Riecharzneien in Q- oder LM-Potenzen arbeite, wie sie in §270 Anmerkung 7 und §284 des Organons 6. Auflage erwähnt werden. Das war zunächst auch für mich eine Hürde, die ich überwinden musste, da es doch recht ungewöhnlich ist. Diese Form der Applikation der homöopathischen Arzneien ermöglicht eine sehr präzise Steuerung der Dosis. Die Patienten sind anfangs immer sehr skeptisch, aber sie gewöhnen sich daran.

Die Behandlung ist nicht mehr digital, d.h. es gibt nicht nur zwei Möglichkeiten, also entweder das richtige Mittel zu finden oder eben nicht. Die Behandlung besteht nun in einem ständigen Optimieren des Prozesses. Wenn in einer Situation keine Änderung eintritt oder die Reaktion auf die Arznei „ermüdet“, kann man an verschieden Stellen schrauben, um eine Reaktion auf die Arzneigabe zu erhalten oder wieder zu fördern. Ich muss nicht alles verwerfen, und mich wieder auf die Suche nach dem „einen“ Mittel machen.

Welche Bedeutung haben die „chronischen Erkrankungen“ in Ihrer Arbeit?

Das Konzept der Chronischen Krankheiten ist im Zentrum der Behandlung. Hahnemann hat nicht den chronischen Kranken in seiner Gesamtheit behandelt, er hat die chronischen Krankheiten in ihrer Gesamtheit behandelt, die den Patienten entweder durch Vererbung und durch Erwerb im eigenen Leben affizieren. Sie entsprechen Krankheitstendenzen und den daraus entstehenden Symptomen. Es ist ein reales Konzept, da es mit den entsprechenden homöopathischen Arzneien behandelt werden kann. D.h. es ist klar, dass einer rheumatischen oder psychiatrischen Erkrankung eine chronische Erkrankung zugrunde liegt, die neben der akuten Symptomatik (Schwellung bzw. Angst) direkt behandelt wird. Die Konsequenz: jeder Patient wird von Beginn an mit einer passenden Nosode behandelt.

Also sind die Chronischen Krankheiten nach Hahnemann und Stöteler kein überkommenes Konzept?

Die Einbeziehung dieser Kernbotschaft Hahnemann`s ist der entscheidende Schritt, den Stöteler konsequent verfolgt, und was Hahnemann schon in seinem Vorwort zur 1. Auflage „Die chronischen Krankheiten“ (CK) von 1928 sehr deutlich macht. Er trennt eine Allgemeine Homöopathie – „..bisher von mir vorgetragenen allgemeinen Homöopathie“; in diesem Falle bezieht er sich auf das Organon die 3. Auflage von 1824 bzw. die 5. Auflage 1833, da sich das Vorwort zur 2. Auflage der CK von 1835 nicht verändert hat – von der Lehre der chronischen Krankheiten, man könnte es Spezielle Homöopathie nennen: „….hier folgenden Lehren, die Menschheit von unzähligen Qualen befreien zu können, welche von den unnennbaren, langwierigen Krankheiten auf den armen Kranken lastet,………, welche durch das bisher schon von der Homöopathie Gelehrte noch nicht zu erreichen war.“ D.h. ohne Berücksichtigung der Chronischen Krankheiten bleiben wir bei der Behandlung von akuten Störungen stehen bzw. die Symptome kehren immer wieder zurück, auch in anderer Form. Angesichts der Verlängerung der Lebenserwartung von ca. 35 Jahren im Jahre 1850 auf ca. 80 Jahre aktuell – heute haben Erkrankungen auch genügend Zeit, um sich als chronische zu entwickeln -, ist deren Behandlung das wichtigste Element der Homöopathie von heute. Die Fortentwicklung der Gedanken Hahnemann´s durch Stöteler könnte eine entscheidende Hilfe im Umgang mit einer zunehmenden älter werdenden Gesellschaft darstellen.

Gibt es in der herkömmlichen Medizin Hinweise darauf, dass das Konzept der Chronischen Krankheiten von Hahnemann in die heutige Sprache übersetzt werden könnte?

Vereinzelt registriert die heutige Medizin, dass chronische Erkrankungen sich nach einer Infektionskrankheit manifestieren, obwohl man sich schwertut, den Zusammenhang zu benennen. Es ist inzwischen eine akzeptierte Meinung, dass sich nach einer durchgemachten und antibiotischen behandelten Borrelieninfektion, Patienten nicht mehr gesund fühlen können. Dazu wurden Studien angefertigt, die auch von den Meinungsmachern in der Neurologie akzeptiert werden. Beim Chronic Fatigue Syndrom besteht eine der Hypothese darin, dass eine akute oder reaktivierte Viruserkrankung die Symptomatik einleitet und dann in eine chronische Erkrankung übergeht. Das sind zwei Beispiele, die deutlich machen, dass das Konzept der Chronischen Krankheiten nach Hahnemann eventuell in die heutige Medizintheorie einen Widerhall finden könnte.